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Phoenix Wright: Ace Attorney

geschrieben von Sascha Gläsel

Hersteller: Capcom / Nintendo
Genre: Adventure
System: Nintendo DS, PAL-Version
Besonderheiten: englische/französische Spieletexte; deutsche Anleitung - komplett deutsche Version kommt später
USK (ESRB): 7 (PEGI)
Spieler: 1
Testmuster von: eigene Anschaffung

Mit "Phoenix Wright: Ace Attorney" bringt Nintendo ein Gerichtsadventure nach Europa. Allerdings vorerst nur ins europäische Ausland, da eine komplett eingedeutschte Version noch auf sich warten läßt. Aber auch mit ordentlichem Schulenglisch läßt sich das Spiel genießen, so viel vorweg.

Phoenix Wright PackshotIn "Phoenix Wright: Ace Attorney" geht es wie in klassischen us-amerikanischen TV-Anwaltserienserien Marke Perry Mason oder Petrocelli zu. Euer Alter Ego, der 24-jährige Anwaltsfrischling Phoenix Wright, ist in Kriminalfällen als Verteidiger tätig. Für seine angeklagten Klienten sieht es nicht gut aus, da deren Schuld durch eine vorgeblich erdrückende Beweislast festzustehen scheint. Das Vorgehen in den fünf Fällen von "Phoenix Wright: Ace Attorney" ist ähnlich: Im Untersuchungsteil des Spieles wollen Fakten ermittelt werden. Ihr sprecht mit beteiligten Personen und nehmt die Schauplätze der Verbrechen näher unter die Lupe. Mit den so gewonnenen Erkenntnissen geht es anschließend vor Gericht. In Kreuzverhören entkräftet ihr belastende Aussagen von Zeugen durch Aufdeckung von handfesten Widersprüchen. Zu guter Letzt überführt ihr den tatsächlichen Täter. Ein begründeter Zweifel hilft euch leider nicht weiter.

Ein Neuling als Strafverteidiger

Präsentiert wird das Geschehen in Adventureform. Vor dem Gerichtsverfahren schaut ihr im Ermittlungsteil im Untersuchungsgefängnis bei eurem Klienten vorbei. Laßt euch Tathergang, Alibi oder mögliche Verdächtige im persönlichen Gespräch verklickern (alles in Form von Texten, keine Sprachausgabe). Dabei müßt ihr lediglich eines von bis zu vier möglichen Stichwörtern anklicken, die im "Talk" Menü auftauchen. Selber Texte eingeben ist nicht möglich, sondern ausschließlich das Anklicken vorgegebener Stichworte. Wird bei diesem Small-Talk ein neuer Sachverhalt angesprochen, taucht meist ein weiterer anwählbarer Gesprächspunkt auf. Dieser bringt euch dann vielfach neue Infomationen, ein zusätzliches Objekt für euer Inventar oder eine weitere zu einem Besuch einladende Örtlichkeit ein. Auch nach Gesprächen mit anderen Personen oder durch Auffinden von Gegenständen kann sich neuer Gesprächsbedarf ergeben.

Phoenix Wright
In den ersten Fällen begleitet euch die übersinnlich begabte Maya Fey, die kleine Schwester eures Bosses. Hier seht ihr die vier verschiedenen Handlungen, die ihr im Ermittlungsteil des Spieles an jedem Ort ausführen könnt.

Die Schauplätze selbst werden als Standbilder wiedergegeben, die bis zu zwei Bildschirme groß sind. Im "Move" Menü werden alle von eurem Standort aus erreichbaren Örtlichkeiten angegeben. Eine kleine Stiftberührung auf dem Touchscreen und schon seit ihr am gewünschten Ort. Natürlich nehmt ihr dort die Umgebung eingehender unter die Lupe. Einzelne Objekte untersucht ihr mit dem Stylus - alle anwählbaren werden hervorgehoben. Kleine schwer aufspürbare Mini-Objekte gibt es dabei kaum. Gelegentlich spürt ihr einen Gegenstand auf, welcher zur späteren Verwendung in eure persönliche Gerichtsakte wandert - so heißt euer Inventar in "Phoenix Wright: Ace Attorney". Insgesamt geht es bei diesen Ermittlungen recht linear zur Sache. Erst wenn ihr zum Beispiel einen bestimmten Gegenstand eingesackt oder mit einer bestimmten Person gesprochen habt, geht es an anderer Stelle mit neuen Gesprächspartnern oder zusätzlichen Schauplätzen weiter.

Erst ermitteln, dann vor Gericht gehen

Überseht ihr etwas oder gelingt es euch nicht, eine bestimmte Information aus euren Gesprächspartnern herauszukitzeln, rennt ihr zwischen den einzelnen Örtlichkeiten hin und her ohne wirklich etwas Neues machen zu können. Es begegnen euch dann überall schon ausgefragte Personen, die auf den entscheidenden Hinweis warten. Vergesst also nicht, wirklich alle der wenigen Gegenstände (bis auf den letzten Fall in der Regel rund ein Dutzend Objekte) aufzusammeln und sie anderen Leuten zu zeigen. Ihr unterhaltet euch nämlich nicht nur mit anderen Personen, sondern dürft ihnen auch euer bisheriges Beweismaterial unter die Nase halten. Auch dies führt zu weiteren Handlungsfäden, denen ihr dann nachgehen müßt. Erst wenn ihr restlos alles erledigt habt, werdet ihr automatisch zum Gerichtspart des Spieles geführt. Dadurch entgeht euch keines für den Prozess wichtiges Beweisstück, so dass ihr später nicht in einer Sackgasse landet.

Phoenix Wright
Diese junge Frau ist nicht so unschuldig, wie sie vorgibt zu sein. Versucht mittels "Press" weitere Informationen aus ihr heraus zu bekommen, oder legt ihr per "Present" ein Beweisstück vorzulegen, der einen Widerspruch zu ihrer Aussage belegt.

Vor Gericht nehmt ihr Zeugen ins Kreuzverhör. Schließlich, so viel sei verraten, sagt keiner zu Beginn die vollständige Wahrheit. Bei jeder vorgetragenen Einzelaussage hakt ihr auf Wunsch entschlossen nach oder legt dem Befragten per Einspruch ein Beweisstück aus eurer Gerichtsakte vor. Übt ihr durch Nachhaken Druck auf den Zeugen aus, führt dies meist zu überarbeiteten Aussagen mit zusätzlichen Informationen. Mit der Präsentation von Beweisstücken solltet ihr vorsichtig sein. Nur wenn ihr dadurch auch tatsächlich einen Widerspruch in der Aussage des Zeugen aufzeigt, ist das Vorlegen statthaft. Erkennt der Richter keine Koinzidenz, handelt ihr euch einen schmerzlichen Rüffel ein. Nach der fünften Rüge wird euer Mandant unweigerlich schuldig gesprochen! Ausrufezeichen, die bei jedem Gerichtstag erneut auf die Maximalzahl von fünf aufgefüllt werden, zeigen euch, wie viele Fehler ihr euch noch leisten dürft.

Übermütige Anwälte werden bestraft

Die meisten der Fälle gehen über mehrere Verhandlungstage. Schließlich ergeben sich im Verlauf der Zeugenbefragungen immer wieder neue Aspekte des Falles, die weiterer Überprüfungen bedürfen. Eine Anklage selbst muss nach drei Verhandlungstagen abgeschlossen sein - so will es die Gesetzgebung in "Phoenix Wright: Ace Attourney". Im Spiel führt das dazu, dass ihr nach dem ersten Verhandlungstag wieder auf Ermittlungstour geht. Den neuen Informationen aus den Kreuzverhören vor Gericht muss schließlich nachgegangen werden. Also heißt es nochmal Leute befragen und ihnen gegebenenfalls neue Beweisstücke vorlegen. Außerhalb des Gerichtssaales ist das glücklicherweise ermahnungsfrei möglich. Hier handelt ihr euch höchstens ein uninteressiertes Schulterzucken eures virtuellen Gegenübers ein.

Phoenix Wright
Jetzt wird es knifflig: Wo in eurem Gerichtsinventar versteckt sich der Beleg für eure Behauptung? Legt ihr ein falsches Beweisstück vor, werdet ihr vom Richter gerügt.

"Phoenix Wright: Ace Attourney" lebt abgesehen von dem Aufspüren von Widersprüchen in den Aussagen der Zeugen von seinen interessanten mit vielen Wendungen aufwartenden Kriminalfällen, in denen die Vergangenheit der Hauptpersonen eine wichtige Rolle spielt. Außerdem laufen euch witzig-skurrile, weil stark überzeichnete, Charaktere über den Weg. So begegnet euch zum Beispiel ein trotteliger aber herzensguter Polizist, ein in 40 Jahren unbesiegter Ankläger, der selbst den Richter locker einschüchtert, ein Bruder Leichtfuß als Jugendfreund eures Alter Egos, der selten Glück mit den Frauen hat und immer in Schwierigkeiten gerät. Weitere Originale sind ein Untersuchungsbeamter, der wie ein Cowboy herumläuft und mit breitem Südstaatenakzent spricht, oder eine ältere Wächterin in einem Filmstudio mit dem Namen Oldbag, die redet wie ein Wasserfall.

Grafik im Anime-Stil

Optisch hat "Phoenix Wright: Ace Attourney" nicht sonderlich viel zu bieten. Ortschaften werden in Form von Standbildern dargestellt, in denen spärlich aber durchaus witzig animierte Charakterprofile (ihr seht lediglich den Oberkörper) im Anime Look zu sehen sind. Dazu gibt es immer wieder Rückblenden auf vergangene Ereignisse, die in schwarz weiß gehalten und ebenfalls lediglich spärlich animiert daherkommen. Nur einmal bekommt ihr echte Bewegtbilder zu Gesicht, wenn ihr ein Überwachungsvideo begutachtet. Von den speziellen Fähigkeiten des DS wird in den ersten vier Fällen kaum Gebrauch gemacht. Ihr wandert durch die Menüpunkte oder untersucht die Schauplätze entweder mit dem Stylus oder aber mit Steuerkreuz und Buttonbetätigen. Witzig: Vor Gericht könnt ihr euer "Objection", "Take That" bei Vorlegen eines Beweises oder "Hold It" für weiteres Nachfragen auch ins Mikrofon sprechen um die entsprechende Aktion auszulösen.

Phoenix Wright
Vergangene Ereignisse werden in schwarz-weiß Bildern wieder gegeben. Hier wurde gerade die Leiche eines Schauspielers aus einer Samurai TV-Serie tot aufgefunden.

Der fünfte und letzte Fall ist etwas besonderes, zumal er erst nach dem (ersten) Abspann erscheint, der nach Lösung des vierten Falles auf dem Bildschirm zu sehen ist. "Phoenix Wright: Ace Attourney" ist die Umsetzung eines nur in Japan erhältlichen GBA Spieles. Die ersten vier Fälle stammen aus dem Original, der fünfte wurde neu für den DS Ableger zusammen gezimmert. Im letzten Kriminalfall wird ein weiteres spielerisches Element eingeführt: Die genauere Untersuchung von Objekten in eurer Gerichtsakte. Ihr dürft einige Gegenstände beliebig drehen und wenden oder auf Fingerabdrücke untersuchen, um zusätzliche Informationen aufzuspüren. Gebt Puder auf den zu untersuchenden Gegenstand und pustet dann ins Mikrophon um den überschüssigen Puder los zu werden: Schon erscheint ein Fingerabdruck. Außerdem bastelt ihr einen kaputten Gegenstand wieder zusammen oder sprüht Tatorte mit einem Spray ein um weggewischte Blutrückstände sichtbar zu machen.

Mehr Features im letzten Fall

Die Speicherfunktion ist sehr komfortabel ausgefallen. Ihr dürft jederzeit euren Fortschritt speichern. Ihr spielt dann auf Wunsch entweder am Anfang des jeweiligen Tages weiter oder an genau derselben Stelle, an der ihr gespeichert habt. Allerdings gibt es lediglich einen Spielstand. Nach Ende eines Ermittlungs- oder Prozesstages werdet ihr automatisch zum Speichern aufgefordert. Die Fälle des GBA Vorbildes sind bis auf den kurzen ersten, der als Tutorial dient, sehr umfangreich ausgefallen. Bis ihr den wahren Täter enthüllen könnt, werdet ihr vier bis fünf Stunden beschäftigt. Auch bei der Spielzeit unterscheidet sich der letzte Fall von den Vorgängern: Er ist rund doppelt so lang, wie einer der drei vorhergehenden. Einmal abgeschlossene Fälle dürft ihr jederzeit noch einmal angehen. Das sich das Geschehen aber nicht ändert, lohnt sich das allerdings kaum.

fazit

Eigentlich habe ich seit seeligen LucaArts Zeiten mit ihren Monkey Islands, Day of the Tentacle oder Indiana Jones kein Adventure mehr eines Blickes gewürdigt. "Phoenix Wright: Ace Attorney" aber hat mich von der ersten Minute an gepackt. Interessante Fälle und witzige Charaktere fesselten mich nicht zuletzt wegen der ungewöhnlichen "Finde den Widerspruch" Herausforderungen. Auch wenn einige eher auf wackligen Füßen stehen, sind die meisten durch aufmerksame Würdigung der Informationen eurer Gerichtsakte gut zu erkennen. Wenn der Zeuge zum Beispiel behauptet, der Angeklagte habe mehrmals auf das Opfer eingestochen und ihr im Autopsiebericht von nur einer Wunde lest, dann ist der Einspruch nicht mehr weit. Bis ihr schließlich den wahren Täter demaskiert habt, werdet ihr eine Menge überraschende Wendungen erleben.

Schade nur, dass die erweiterten Möglichkeiten wie nähere Betrachtung von Objekten, ermitteln von Fingerabdrücken, die ihr dann mit denen aus eurer Gerichtsakte vergleichen müßt, nur im letzten Fall auftauchen. Diese machen euer Wirken als Strafverteidiger nämlich komplexer und sorgen für zusätzliche Herausfordernungen für eure kleinen grauen Zellen. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt mächtig auf einen Nachfolger, wo dann hoffentlich von diesen neuen Fähigkeiten ausgiebiger Gebrauch gemacht wird. Und natürlich auch auf neue abgefahrene Charaktere und spannende mit vielen Überraschungen aufwartende Kriminalfälle (sag).


positiv:

  • ungewöhnliches Gerichtsadventure
  • viele überraschende Wendungen
  • abgefahrene Charaktere
  • jederzeit speicherbar ...
negativ:
  • ... aber nur ein Spielstand verfügbar
  • nur englische oder französische Spieletexte


grafik: 7.0 | sound: 6.5 | gameplay: 7.5 | gesamt: 8.5
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